
Heute Nacht habe ich nun das letzte der 207 Märchen in Grimms Märchen - Vollständige illustrierte Ausgabe gelesen. Es ist ja allgemein bekannt, dass Grimms Märchen (die im übrigen ja nicht alle aus der Feder der Brüder Grimm stammen sondern in erster Linie auch eine Sammlung von Volks-Märchen aus deren Zeit darstellt) nicht unbedingt harmlos sind. Die meisten Märchen zeichnen sich an vielen Stellen von äußerster Brutalität aus. An viele Stellen konnte ich mich bei manchen Märchen aus meiner Kindheit gar nicht mehr erinnern - Kindermärchenbücher sind halt doch meistens geeignet gekürzt - oder realisiert man das als Kind einfach noch nicht so?
Hier noch ein paar eher harmlose Beispiele:
“Da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus”
“Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen”
“Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über ein Kohlenfeuer gestellt worden, und die wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da musste sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.”
“… und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.”
Eigentlich wollte ich ja ein kleines Gewinnspiel daraus machen - wer denn nun die meisten Zitaten einem Märchen zuordnen kann. Aber das wäre viel zu einfach gewesen. Google-Books kann natürlich mit allen Zitaten was anfangen (die zugehörigen Märchen sind Aschenputtel, Hänsel und Gretel, Schneewittchen und Rumpelstilzchen).
Was mich bei dieser Märchensammlung außerdem noch überrascht hat, war die Skurrilität mancher Märchen (z.B. das Ende von “Läuschen und Flöhchen”):
Da sprach das Brünnlein, aus dem das Wasser quoll: “Mädchen, was zerbrichst du Dein Wasserkrügelchen?” - “Soll ich mein Wasserkrügelchen nicht zerbrechen?
Läuschen hat sich verbrannt,
Flöhchen weint,
Türchen knarrt,
Besenchen kehrt,
Wägelchen rennt,
Mistchen brennt,
Bäumchen schüttelt sich.”
“Ei”, sagte das Brünnchen, “dann will ich anfangen zu fließen”, und fing an, entsetzlich zu fließen. Und in dem Wasser sind alle ertrunken, das Mädchen, das Bäumchen, das Mistchen, das Wägelchen, das Besenchen, das Türchen, das Flöhchen, das Läuschen, alle miteinander.
Ein weiteres Geschichtenelement, das in verblüffend vielen Märchen in jeweils abgewandelten Formen vorkommt ist folgende: Ein (Liebes-)Pärchen ist auf der Flucht und wird von einer bösen Hexe verfolgt. Das Mädchen wirft irgendwas über ihre Schulter (eine verzauberte Haselnuss, Granatapfel o.ä.) und sogleich verwandelt sich das Pärchen in etwas anderes (z.B. eine Kapelle und ein Kleriker, in einen Dornbusch und eine Rose …) und schön können sie die böse Hexe an der Nase herumführen, so dass sie wieder weiter ziehen muss. Das Geschichtenelement ist mir aus meiner Kindheit nicht bekannt - erst viel später habe ich es in einem italienischen Märchen in “Märchen von Hexen und weisen Frauen” gelesen und nun wieder in unzähligen Varianten bei den Brüdern Grimm. Habt ihr das schon gekannt?